Neuer Zyklus: Humilitas.

Bescheidenheit statt «Glanz und Gloria»

Isidor von Sevilla hat die Etymologie der Humilitas treffend umschrieben und damit auch ihr innerstes Wesen umrissen: «Humilis bedeutet, sich sozusagen an den Humus anzulehnen», mit anderen Worten: derjenige, der Humilitas ausübt, nimmt sich selbst zurück. Joseph Groner OP bemerkt dazu, die Humilitas sei keine Selbstvernichtungstugend, sondern sie bezeichne den Willen, weder geltungssüchtig über sich hinauszugreifen noch sich unnötig kleinzumachen. Entscheidend sei, das eigene Mass und die eigenen Möglichkeiten realistisch zu bedenken. In diesem Sinne ist die gängige Übersetzung mit «Demut» mangelhaft. Begriffe wie «Bescheidenheit», «Einfachheit», «Schlichtheit», «Zurückhaltung», «Respekt/Achtung/Anerkennung zollen» treffen den Kern weit besser, da sie besonders die soziale Dimension des Begriffes mitbedenken. Im Neuen Testament kommt der Humilitas grosse Bedeutung zu. Nicht nur in der Person Christi selbst, sondern etwa auch im Magnificat. Dort formuliert Maria in der lateinischen Fassung: Quia respexit humilitatem ancillae suae. Gemeinhin wird dies mit «Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut» wiedergegeben. Korrekter wäre jedoch: «Denn er hat ja die Bescheidenheit seiner Magd geachtet.» Thomas von Aquin ordnet die Tugenden in eine strenge Hierarchie ein. An der Spitze stehen die vier Kardinaltugenden Gerechtigkeit, Tapferkeit, Klugheit und Mässigung (temperantia). Der Mässigung ist die Humilitas als Tugend zu- und nachgeordnet.

Im anstehenden Zyklus steht also eine Tugend im Mittelpunkt, die in jüngster Zeit eine überraschende Aktualität gewonnen hat, nicht zuletzt durch die Worte des amtierenden Papstes Leos XIV.